Allgemeines zur Kohlfahrt
Der Weg zur Kohlfahrt
... hat sich erst im Laufe der Zeit entwickelt. Ursprünglich begannen im 19. Jahrhundert
wohlhabende Geschäftsleute im Oldenburger und Bremer Raum mit Pferdegespannen von der Stadt in Landgasthäuser
zu fahren, um dort den Grünkohl zu verzehren. Weil Grünkohl seinen vollen Geschmack erst nach dem ersten Frost
entwickelt, ist es eines der wenigen Wintergemüse die es in der kargen nordeutschen Region gab. Aufgrund des damals
nicht unbedeutenden Anteils von zugegebenen Fett im gekochten Kohlgericht, waren die frühen Grünkohlfreunde auch den
geistigen Getränken (Medizin?) keinesfalls abgeneigt, so daß es üblicherweise eine feuchtfröhliche Angelegenheit wurde.
Aus gutem Grunde hat man diese kulturhistorische Tradition bis heute nicht vergessen, sie sogar intensivst gepflegt.
Aus dem Pferdegespann ist im Laufe der Jahre ein Bollerwagen geworden, bei dem es sich nicht (!!!), wie
irrtümlicherweise oft angenommen wird, um einen Eselskarren handelt, sondern um eines der unverzichtbaren
Kohlfahrtutensilien. Hierauf werden die schweren "Sachen" transportiert, ihn ziehen zu dürfen ist eine überaus
große Ehre.
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Die Kohlfahrtzeit
... richtet sich ganz nach seinem Namenspatron, dem Grünkohl. Dieser schmeckt, wie bereits erwähnt,
am besten wenn er "Frost gehabt" hat. Hieraus ergibt sich, daß nach dem ersten Frost, meistens im November die
Saison losgeht. Im Dezember sind Kohlfahrten aufgrund der Fülle von anderen Veranstaltungen eher selten.
Die Hauptzeit ist von Januar bis Ende Februar/Anfang März. Traditionell beendet ist die Saison am Gründonnerstag,
der wahrscheinlich daher seinen Namen bekommen hat.
Anke E. aus Wiefelstede: "Kohlzeit ist von Zeteler Markt bis Gründonnerstag!"
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Kohlfahrten sind eine regionale Eigenheit
... des oldenburgisch- ostfriesischen und bremer Raums. Die Südoldenburger,
obgleich sie zum Oldenburgischen gehören, essen zwar auch liebend gern Grünkohl, sie sind aber keine
leidenschaftlichen Kohlfahrer mehr. Über Gründe hierfür gibt es nur Spekulationen...
Hinter Bremen wird noch ungefähr bis Nienburg (südliche Grenze) und Rotenburg an der Wümme (östliche Grenze)
dem Kohlfahren gehuldigt.
Dadurch, daß gerade in den letzen Jahren vereinzelt Kohlfahrten auch außerhalb der eben genannten Grenzen
veranstaltet werden, haben unsere nordeutschen Kulturbotschafter, als Veranstalter, der Grünkohlkultur auch
international zu höchstem Ansehen verholfen.
Im Laufe Jahre entwickelten sich aus dem "Kohlfahren" überaus populäre Prozessionen, zu denen sich im Laufe der
Zeit regionale und auch lokale Eigenheiten unterschiedlicher Art gesellten.
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Sportlicher Aspekt
Um der Kohlfahrt einen sportlichen Anstrich zu geben, wird sie häufig mit einer typisch oldenburgisch-ostfriesischen
Nationalsportart kombiniert, dem "Boßeln".
Beim Boßeln wird eine 800 Gramm schwere, etwa 11-12cm Durchmesser große Pockholz-, Gummi oder Kunststoffkugel, der
Kloot, auf Straßen gerollt mit dem Ziel, eine vorher festgelegte Strecke mit möglichst wenig Würfen zurückzulegen.
Um der Sache den nötigen Schneid zu geben, treten zwei Mannschaften gegeneinander an. Die Mannschaft, welche die
Strecke mit der geringsten Anzahl von Würfen geschafft hat, hat gewonnen. Um Kollisionen mit "Nichtboßlern" zu
vermeiden, wird auf möglichst abgelegenen Straßen und Wegen geboßelt. Gelingt einem Boßler ein besonders guter Wurf,
ist dies von den Mitspielern mit anerkennenden "Jaaaaoooouuuuhhhh", "Jaaaawolllll", "Jungedi" oder "de geit god af"
-Rufen zu honorieren. Richtig gute Werfer schaffen dabei durchaus 200 bis 300 Meter.
Ein unmittelbar mit dem Boßeln zusammenhängendes Spiel ist das Boßelkugelsuchen. Da sich üblicherweise neben den
norddeutschen Straßen tiefe, wasserführende Gräben befinden, in die die Kugeln fast "magnetisch hineingezogen" werden,
bleibt eine teilweise sehr lang andauernde Suche nicht aus. Ehrgeizige Boßelkugelsucher beteiligen sich daran mit
aller Leidenschaft. Ihr Werkzeug ist der sogenannte Kraber, ein an einem Besenstiel befestigter Boßelfangkorb, der
einem Apfelpflücker ähnelt. Mit diesem wird solange nach der Kugel gesucht, bis sie gefunden worden ist. Aufgeben ist
unehrenhaft und somit tabu.
Boßeln ist jedoch durchaus eine ernsthafte Sportart, der in der Region Oldenburg-Ostfriesland knapp 50.000
Einheimische in Boßelvereinen nachgehen und sogar Meisterschaften austragen.
Dieses Wettkampfboßeln hat äusserst strenge Regeln und Vorschriften, die mit dem Kohlfahrtboßeln nicht viel gemein
haben. Eine davon ist ein striktes Alkoholverbot während des Spieles!!!! Das allein macht es schon schwierig diese
Regeln auf einer Kohlfahrt zu befolgen.
Aus dem Boßeln haben kreative Kohlfahrer weitere "Sportarten" entwickelt. Aus diesen und weiteren Spielen ist im
Laufe der Zeit ein reichhaltiges Kohlfahrtspielerepertoire entstanden.
So ist beispielsweise das allseits beliebt-berüchtigte Bessensmieten (Besenwerfen) ein direkter Abkömmling des
Boßelns. Hierzu werden Reisigbesen verwendet, denen der Besenstil entfernt wurde.
Zwei Mannschaften müssen versuchen mit je einem dieser Reisigbündel eine festgelegte Strecke werfenderweise zu
bewältigen. Die Wurftechnik kann hierbei frei gewählt werden... Die Gruppe, die das Streckenziel mit der geringsten
Anzahl von Würfen erreicht, hat gewonnen. Ähnlichkeiten zum Boßeln lassen sich nicht übersehen.
Eine geringfügige Abwandlung des Bessensmietens ist das legendäre Stäbelsmieten (Stiefelwerfen). Hierbei wird, wie
sich leicht dem Namen entnehmen lässt, die Besen gegen Gummistiefel eingetauscht.
Ein wohl aus dem Ostfriesischen stammende Sportart, ist der gerade in den letzten Jahren verstärkt auf Kohlfahrten
auftretende Teebeutel-Weitwurf, beidem man genaugenommen nicht unbedingt von weit sprechen kann...
Hierbei wird mit Daumen und Zeigefinger das Pappteil erfasst und der Teebeutel in Rotation versetzt. Ziel ist es den
Teebeutel nach dem Loslassen soweit wie möglich nach vorn (!!!) zu schleudern. Gewinner ist der mit dem weitesten
Wurf.
Bei allen Sportarten können auch Ehrenpreise für die "eleganteste" Wurftechnik vergeben werden.
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Die Wahl des Kohlkönigs und/oder der Kohlkönigin
Nach unserem Kenntnisstand wurde ursprünglich derjenige Kohlkönig, welcher am meisten Kohl essen konnte. Diese
Tradition wird auch heute noch mancherorts gepflegt. Neuerdings jedoch wird schon teilweise auf technische
Gerätschaften zurückgegriffen, um den (häufig berechtigten) Anschein des Kungelns zu entkräften. Die Kohlfahrer
werden vor Beginn und nach Ende des Essens gewogen. Wer den größten Gewichtszuwachs zu verzeichnen hat wird König
und/oder Königin.
Andere Methoden, wie das beliebte Schraube-findet-Mutter-Spiel (Männer bekommen jeweils eine Schraube, Frauen jeweils
eine Mutter, nur ein Paar paßt zusammen: Das Königspaar ist gefunden), das famose da-klebt-was-unter-dem-Stuhl-Spiel
(unter den Stühlen des Königspaares klebt irgendetwas) oder das spannende da-ist-etwas-in-dem-Pudding-Spiel (nur das
hochherrschaftliche Paar hat z.B. ein Gummibärchen o.ä. im Pudding,) haben dem Zufall Tür und Tor geöffnet und somit
auch eßschwachen Kohlfahrern die Möglichkeit des Geadeltwerdens eingeräumt.
Die Majestäten sind natürlich nicht nur zum Selbstzweck geadelt worden, sie haben auch eine ehrenwerte Aufgabe: Sie
dürfen die nächstjährige Kohlfahrt organisieren.
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